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Mühlenkreis Minden-Lübbecke

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„Wir reden über uns“

Kreis Minden-Lübbecke, 17.11.2006

„Wir reden über uns"
Vortrag über
Häusliche Gewalt bei SpätaussiedlerInnen im Kreishaus

Deutsche in Deutschland mit Migrationserfahrung, das sind die deutsch-stämmigen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die auch Russland-Deutsche, Wolga-Deutsche, Aussiedler oder Spätaussiedler genannt werden. Inwieweit bei dieser Bevölkerungsgruppe ein anderes Verhältnis zu Gewalt, insbesondere zu häuslicher Gewalt feststellbar ist, wie dieses begründet ist und inwieweit bestehende Hilfseinrichtungen ihre Arbeit am besten auf diese Zielgruppe einstellen können, war kürzlich Thema eines Vortrages im Kreishaus.

Auf Einladung der kreisweiten Vernetzung gegen häusliche Gewalt „Prio" (Prävention - Intervention - Opferschutz) referierte Daniel Kruppa, Streetworker im Jugendamt der Stadt Viersen vor ca. 50 Fachleuten unterschiedlicher Professionen. In bilderreicher Sprache berichtete er detailgenau über das Leben in Russland und anderen Herkunftsländern, das sich sehr von dem unsrigen in Deutschland unterscheidet und daher entsprechende Umstellungsschwierigkeiten bei den Zugewanderten erzeugt. So ist der Alltag dort sehr geregelt, für alle Angelegenheiten - im Arbeitsleben, bei Krankheit bis hin zur Urlaubsreise - steht eine persönliche Ansprechperson zur Verfügung, die sich um die Erledigung der Dinge kümmert. In Deutschland ist Eigeninitiative gefragt: es gibt eine Reihe von unterschiedlichen Unterstützungseinrichtungen, die aus eigenem Antrieb heraus aufgesucht werden müssen. Dies setzt sowohl Kenntnisse über die Struktur der Beratungseinrichtungen als auch Eigenmotivation voraus. Dies zeigt sich auch in der Thematik der häuslichen Gewalt: Bei der Polizei werden - im Verhältnis zum Anteil an der Bevölkerung - doppelt so häufig Fälle häuslicher Gewalt in Spätaussiedlerfamilien gemeldet, bei den Frauenberatungsstellen ist der Anteil von Spätaussiedlerinnen sehr gering. Dies hängt u. a. auch damit zusammen, dass viele Fälle von Nachbarn angezeigt werden.

In den Herkunftsländern herrscht wesentlich stärker als in Deutschland die Meinung vor, dass „Familienangelegenheiten" - und darunter fällt in diesem Verständnis auch häusliche Gewalt - intern geregelt werden sollten. Dies erklärt, warum so viele Frauen, die erkennbar Opfer der Gewalt ihrer Ehemänner geworden sind, diese trotzdem in Schutz nehmen und selber keine Anzeige erstatten.

Auch sind die geschlechtsspezifischen Rollenvorstellungen, die vermittelt werden, sehr konservativ und gelten bei uns als überholt. In den Herkunftsländern gilt der Mann als Oberhaupt er Familie, seine Aufgabe ist es, die Familie nach außen zu beschützen, dafür ist er von allen anderen Aufgaben wie Hausarbeit, Kindererziehung und „Papierkram" freigestellt. Die Aufgabe der Frau ist es, dem Mann zu dienen. Auch Trinkfestigkeit und Gewaltbereitschaft gehören zum tradierten Rollenbild der Männer.

Dieses Gefüge gerät im Prozess der Migration ins Wanken. Die Frauen haben vielfach eine qualifiziertere Ausbildung, können sich schneller auf die neue Situation einstellen, erlernen die deutsche Sprache besser und erhalten daher eher als ihre Männer einen Arbeitsplatz. Da in den Herkunftsländern wenig Erfahrungen mit demokratischen Umgangsformen vorliegen, kommt es im Konfliktfall dann auch in Deutschland seltener zu verbalen als zu tätlichen Auseinandersetzungen. Übermäßiger Alkoholgenuss verstärkt in vielen Fällen diese Entwicklung, so dass einige Männer den Frust über die eigene Situation in Gewalt gegenüber ihren Frauen und Kindern ausdrücken. Dies wird von Tätern und Opfern eher hingenommen, da in den Herkunftsländern ein anderes Wertesystem vorherrscht: während bei uns Gewalt gesellschaftlich geächtet wird, gilt sie dort vielfach noch als legitimes Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen. Bei allem Verständnis für die schwierige Situation in Einwanderungsprozessen kann jedoch die Ausübung häuslicher Gewalt nicht geduldet werden.

Die Diskussion machte deutlich: viele Aussiedler sind auf ein Leben in Deutschland nicht ausreichend vorbereitet, die Unsicherheiten im Umstellungsprozess können unter Berücksichtigung des Wertesystems in den Herkunftsländern zu einem verstärkten Auftreten von Gewalt führen bei gleichzeitig geringerer Wahrscheinlichkeit, dass sich die Opfer Hilfe und Unterstützung suchen. Dies führte zu der Fragestellung, in wieweit bestehende Hilfseinrichtungen ihre Arbeit noch stärker auf die Bedürfnisse dieser Zielgruppe einstellen können.

In diesem Zusammenhang wies Herr Kruppa darauf hin, wie wichtig es sei, auf die Spätaussiedler zu zugehen, sie dort aufzusuchen, wo sie sich gewöhnlich aufhalten. Die Umsetzung dieser Anregung hängt stark von den finanziellen und personellen Möglichkeiten ab.

Die abschließende Diskussion ergab, dass die plastische Schilderung von Herrn Kruppa viel zum Verständnis der Situation beigetragen hat. Es darf jedoch auch nicht vergessen werden, dass es viele Spätaussiedler gibt, die die Umstellungen gut gemeistert und sich bestens integriert haben und insofern der oben dargestellten Unterstützungen nicht bedürfen.

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